Ein Schmuggler erzählt
Schmuggel, ein jahrhundertealtes Geschäft über Grenzen hinweg
Der Begriff Schmuggel wird häufig mit dem lateinischen Ausdruck contra bannum, „gegen das Verbot“ beziehungsweise „gegen das Gesetz“ in Verbindung gebracht. Gemeint ist das heimliche Überqueren einer Grenze mit Waren, ohne die vorgeschriebenen Zölle und Abgaben zu entrichten. Schmuggel ist keineswegs ein modernes Phänomen, seit Jahrhunderten versuchen Menschen, Grenzen, Verbote und staatliche Kontrollen zu umgehen. Mit der Entstehung des Königreichs Italien und der Einführung staatlicher Monopole gewann der Schmuggel entlang der italienischen Grenzen zunehmend an Bedeutung. Besonders in Zeiten wirtschaftlicher Not und knapper Lebensmittel entwickelte sich daraus ein reger illegaler Handel. Von der Schweiz nach Italien wurden traditionelle vor allem Kaffee, Tabak und Saccharin geschmuggelt.
In den Grenzregionen, etwa im Vinschgau und in zahlreichen anderen abgelegenen italienischen Tälern wurde der Schmuggel für viele Menschen zu einem festen Bestandteil des täglichen Lebens. Die geografische Lage, schwer kontrollierbare Bergpfade und vor allem der Mangel an anderen Einkommensmöglichkeiten schufen ideale Voraussetzungen für den illegalen Warenverkehr. Besonders lukrativ war das Geschäft in den 1960er-Jahren. Tonnenweise Kaffee und Zigaretten gelangten damals aus der Schweiz über die Berge nach Italien. Was südlich der Grenze als Schmuggel verfolgt wurde, trug in der Schweiz einen erstaunlich offiziellen Namen: „Export II“. Die Waren wurden legal aus der Schweiz ausgeführt illegal wurde das Geschäft erst mit dem heimlichen Grenzübertritt nach Italien. Wie dieser Schmuggel tatsächlich ablief, zeigt die Geschichte eines ehemaligen Schmugglers aus Lichtenberg im oberen Vinschgau. Seinen Namen wollte er später nicht veröffentlicht sehen, seine Geschichte hingegen schon. Zum ersten Mal machte er sich 1961 auf den Weg. Die Schmuggler reisten zunächst ganz legal in die Schweiz ein. Mit italienischen Lire in der Tasche fuhren sie nach Santa Maria im Val Müstair. Dort betrieb Otto Cazin ein Warenlager des Basler Grossisten Weitnauer und wurde zu einer wichtigen Figur des sogenannten Export II. Bis zur Schweizer Grenze war das Geschäft offiziell. Die Ausfuhr der Waren wurde beim Schweizer Zoll deklariert. Mit den Schweizer Zöllnern, erinnerte sich der Schmuggler später, habe man sich sogar gut verstanden. Erst auf italienischem Boden begann der illegale und gefährliche Teil des Geschäfts und das Risiko lohnte sich. Ein Schmuggler erhielt für einen einzigen nächtlichen Gang etwa 15.000 Lire, umgerechnet rund 92 Franken. Zum Vergleich: Ein Waldarbeiter verdiente damals ungefähr 3.000 Lire am Tag. In einer Nacht konnte ein Schmuggler somit etwa so viel verdienen wie ein Arbeiter die ganze Wochen. Noch größer war der Gewinn für jene, die nicht nur die schwere Last, sondern auch das finanzielle Risiko selbst übernahmen. Für rund 131.000 Lire kauften sie tausend Päckchen Zigaretten und trugen sie über die Grenze. In Italien konnten sie die Ware anschließend für etwa 180.000 Lire weiterverkaufen. Die tausend Päckchen wurden in einer „Bricolla“, im Vinschgau auch „Pinggl“ genannt, auf dem Rücken transportiert. Rund 40 Kilogramm wog eine solcher Sack. Die italienischen Schmuggler wurden deshalb auch „Spalloni“ genannt. Die Bezeichnung stammt vom italienischen Wort „spalla“, zu Deutsch „Schulter“. Der Name beschreibt ihre Arbeit treffend: Die gesamte Schmuggelware musste auf den Schultern über steile Bergpfade und versteckte Grenzübergänge getragen werden. Aus den gewöhnlichen „Schmugglern“ wurden so auf italienischer Seite die "Spalloni“. Damit verbunden war auch der Ausdruck „Forza dello Spallone“. Gemeint war damit nicht nur die reine Muskelkraft, die nötig war, um die schweren Säcke stundenlang durch die Berge zu tragen, ebenso brauchte es Kraft, Mut und Ausdauer. Oft waren die Schmuggler zu siebt oder zu acht unterwegs, manchmal zogen Gruppen von bis zu achtzehn oder neunzehn Männern los. Einer der bekanntesten Anführer war Hubert Riedl, der als der „Schmugglerkönig von Lichtenberg“ galt. Der Schmuggel begann häufig nach einem ganz gewöhnlichen Arbeitstag. Die Männer packten Speck, Käse, Brot und eine Flasche Wein ein. Bevor es losging, trafen sie sich nicht selten noch im „Weissen Rössl“ in Lichtenberg. Ausgerechnet dort kehrten auch Beamte der italienischen Finanzwache ein. Danach ging es weiter nach Santa Maria im schweizerischen Val Müstair. Dort lagen die Säcke bereits fertig verpackt bereit. Bei Kälte kaufte man sich noch eine „Tschoklad“ (Schokolade) und einen Wacholderschnaps für unterwegs dann begann der Marsch. Die Männer gingen in der Nacht, denn vor Tagesanbruch mussten sie wieder auf italienischem Gebiet und möglichst weit von der Grenze entfernt sein. Eine der am häufigsten benutzten Routen führte über die Rifair Scharte. Der Weg war beschwerlich: rund 1.300 Höhenmeter hinauf und anschließend 1.600 Höhenmeter wieder hinunter und das mit 40 Kilogramm auf dem Schultern. Geschmuggelt wurde das ganze Jahr über, selbst im tiefsten Winter. Schnee und Nebel konnten dabei lebensgefährlich werden. Wer nachts die Orientierung verlor, riskierte, im Kreis zu laufen oder im unwegsamen Gelände abzustürzen. Neben den Gefahren der Berge gab es einen weiteren Gegner: die italienische Guardia di Finanza. Wurde eine Schmugglergruppe von einer Patrouille überrascht, blieb oft nur eine Möglichkeit, "Pinggl" abwerfen und fliehen. Die Männer kannten die Berge, Wälder und versteckten Pfade meist wesentlich besser als die Beamten, besonders bei Nacht. Doch eine Garantie gab es nicht. Der ehemalige Schmuggler erinnerte sich daran, wie ihm und seinen Komplizen bei manchen Touren die Kugeln buchstäblich um die Ohren flogen. Einmal musste eine Gruppe auf der Flucht 18 Säcke zurücklassen. In der Zeitung sei später allerdings nur von 15 beschlagnahmten Säcken die Rede gewesen. Unter den Schmugglern hielt sich hartnäckig der Verdacht, dass auch manche Beamte an der Ware mitverdienten. Die Männer bewegten sich Nacht für Nacht fast wie Lasttiere über die Berge: gleichmäßig, schweigend und in einem festen Rhythmus. Der Schmuggler beschrieb es später als harte körperliche Arbeit, die Disziplin, Ausdauer und Mut verlangte. Und dennoch übte das Geschäft eine eigenartige Faszination aus. Die Gefahr gehörte dazu. Das erfolgreiche Überqueren der Grenze vermittelte ein Gefühl von Stärke und Überlegenheit. Für manche wurde gerade dieser Nervenkitzel beinahe zur Sucht. Obwohl das Tragen der Waren eine Männerdomäne war, waren auch die Frauen im Tal Teil des Systems. Sie überbrachten Nachrichten und teilten den Männern mit, wann und wo sich die nächste Gruppe treffen sollte. Nach der erfolgreichen Überquerung wurden z.B. der Kaffee an Chauffeure übergeben. Von dort führte ihr Weg weiter in italienische Großstädte wie Mailand oder Rom, wo der geschmuggelte Kaffee meistens "Sotto Banco" oder besser verständlich "Unter dem Tisch" in den italienischen Espresso Bars verkauft wurde, so schliesst sich der Kreis. Das Ende der goldenen Schmugglerjahre, mehrere Jahrzehnte florierte das Geschäft. Doch 1974 kam der Schmuggel über die Berge weitgehend zum Erliegen. Der Wechselkurs zwischen italienischer Lira und Schweizer Franken machte das Geschäft zunehmend unrentabel, gleichzeitig stiegen in der Schweiz die Tabaksteuern. Auch Südtirol selbst veränderte sich. Die wirtschaftlichen Verhältnisse verbesserten sich, neue Arbeitsmöglichkeiten entstanden und mit dem Inkrafttreten des Zweiten Autonomiestatuts 1972 begann eine neue Phase für das Land. Für viele Männer verschwand damit eine Einnahmequelle, die ihr Leben über Jahre geprägt hatte. Auch der Schmuggler aus Lichtenberg hörte auf. Seiner späteren Frau hatte er von seiner Vergangenheit zunächst nur wenig erzählt. Erst in der Hochzeitsnacht erfuhr sie, wie intensiv ihr Mann tatsächlich am Schmuggel beteiligt gewesen war. Seiner Frau versprach er, nie wieder zu schmuggeln. Das Versprechen fiel ihm zu diesem Zeitpunkt leichter als noch wenige Jahre zuvor. Die große Zeit des Schmuggels, der nächtlichen Märsche und der hochprofitablen Zigarettenladungen war bereits vorbei. Eine der legendärsten Figuren dieser Zeit blieb Hubert Riedl, der „Schmugglerkönig von Lichtenberg“. Viele Touren wurden unter seiner Führung durchgeführt, und noch Jahrzehnte später erzählte man sich im Dorf Geschichten über ihn. Ein zentraler Treffpunkt war das „Weisse Rössl“ in Lichtenberg. Die Wirtin Fanny erinnerte sich später daran, dass ihr Gasthaus regelrecht als Schmugglerzentrale diente. Für die Männer gab es sogar einen eigenen Hintereingang über eine Stiege. Solche Geschichten zeigen, wie tief der Schmuggel im Alltag der Grenzdörfer verwurzelt war. Er war weit mehr als das heimliche Transportieren von Kaffee und Zigaretten. Rund um ihn entstand ein ganzes Netzwerk aus Händlern, Organisatoren, Trägern, Wirten, Chauffeuren und Komplizen. Für die einen waren die Männer Gesetzesbrecher, für die anderen Abenteurer und für manche Familien waren sie vor allem eines Menschen, die in einer einzigen gefährlichen Nacht mehr verdienen konnten als andere in mehreren Wochen harter Arbeit.












